die fortwährende ethnische Säuberung Palästinas
Die Nakba, die „Katastrophe“, ist das zentrale Ereignis der palästinensischen Geschichte. Sie steht für die gewaltsame Vertreibung von über 750.000 Palästinenser*innen aus ihrer Heimat während der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Die Nakba ist jedoch kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortwährender Prozess der Entwurzelung, Besatzung und Entrechtung. Die Geschichte der Nakba ist eine Geschichte kolonialer Gewalt, systematischer Vertreibung und des Widerstands gegen die Auslöschung.
1. Die Vorgeschichte: Koloniale Unterdrückung und zionistische Expansion
Britische Komplizenschaft und zionistische Landnahme
Die Nakba begann nicht erst 1948, sondern wurzelt in der kolonialen Politik des britischen Mandats (1920–1948). Die Balfour-Deklaration von 1917, die eine „nationale Heimstätte“ für Juden in Palästina versprach, ignorierte bewusst die Existenz der indigenen palästinensischen Bevölkerung, die damals über 90 % der Einwohner*innen ausmachte. Die Briten ermöglichten zionistischen Organisationen den massiven Landkauf, oft durch betrügerische Verträge mit Großgrundbesitzern, während palästinensische Bauern gewaltsam vertrieben wurden.
In den 1930er Jahren formierten sich zionistische Milizen wie die Haganah und Irgun, die gezielt palästinensische Dörfer angriffen, um demografische und territoriale Kontrolle zu erlangen. Der arabische Aufstand (1936–1939) gegen die britische Herrschaft und zionistische Siedlungspolitik wurde brutal niedergeschlagen – ein Vorgeschmack auf die Gewalt, die folgen sollte.
Der UN-Teilungsplan: Ein koloniales Diktat
Der UN-Teilungsplan von 1947 (Resolution 181) sprach den Zionisten 55 % Palästinas zu – obwohl Jüd*innen nur 30 % der Bevölkerung ausmachten und weniger als 7 % des Landes besaßen. Für die Palästinenser*innen war der Plan ein Akt imperialer Willkür: Er zerschnitt ihr historisches Land, enteignete Hunderttausende und legitimierte die zionistische Expansion. Die palästinensische Ablehnung des Plans war keine Kriegserklärung, sondern ein Akt der Selbstverteidigung gegen koloniale Landnahme.
2. Die Nakba von 1948: Systematische Vertreibung und ethnische Säuberung
Plan Dalet: Die Blaupause der Vertreibung
Monate vor Israels Staatsgründung im Mai 1948 setzten zionistische Milizen den Plan Dalet um – eine militärische Strategie zur „Säuberung“ Palästinas von seiner arabischen Bevölkerung. Das Ziel war klar: die Errichtung eines ethnisch homogenen jüdischen Staates. Über 530 palästinensische Dörfer wurden zerstört, ihre Bewohner*innen durch Massaker, Bombardierungen und psychologischen Terror vertrieben.
Die Massaker: Terror als Waffe
– Deir Yassin (9. April 1948): Die Irgun- und Lechi-Milizen ermordeten über 100 Dorfbewohner*innen, darunter schwangere Frauen und Kinder. Die Leichen wurden in Brunnen geworfen, Überlebende als „Kriegstrophäen“ durch Jerusalem paradiert. Das Massaker wurde bewusst propagiert, um panische Fluchtwellen auszulösen.
– Al-Lydda und Al-Ramla (Juli 1948): Unter dem Kommando von Yitzhak Rabin vertrieb die israelische Armee 70.000 Palästinenser*innen in einer 48-stündigen Gewaltaktion. Wer Widerstand leistete, wurde erschossen; die Überlebenden mussten bei 40°C ohne Wasser in Richtung Westbank fliehen.
– Tantura (Mai 1948): Nach der Eroberung des Dorfes massakrierten israelische Soldaten Hunderte Zivilist*innen. Augenzeugen berichteten, dass Leichen in Massengräbern verscharrt oder ins Meer geworfen wurden. Bis heute blockiert Israel archäologische Untersuchungen des Massengrabs.
Die Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft
Die Nakba war nicht nur eine physische Vertreibung, sondern ein kultureller Genozid:
– Bibliotheken, Moscheen und Friedhöfe wurden geschändet oder in jüdische Einrichtungen umgewandelt.
– Palästinensische Ortsnamen verschwanden von Landkarten; aus Al-Lydda wurde „Lod“, aus Al-Nasira „Nazareth“.
– Traditionelle Kleidung, Stickereien und Landwirtschaftstechniken wurden von Israel als „jüdisches Erbe“ vereinnahmt.
3. Die Nakba heute: Fortgesetzte Vertreibung, Enteignung undVernichtung
Das Recht auf Rückkehr: Ein verwehrtes Menschenrecht
Über 7 Millionen palästinensische Flüchtlinge warten bis heute auf die Umsetzung der UN-Resolution 194, die ihr Rückkehrrecht garantiert. Israel verweigert dies mit rassistischen Gesetzen wie dem „Rückkehrgesetz“ (1950), das nur Jüd*innen weltweit ein „Recht auf Rückkehr“ nach Israel gewährt – Palästinenser*innen, deren Familien seit Jahrtausenden dort lebten, sind ausgeschlossen.
Die zweite Nakba: Besatzung und Siedlerkolonialismus
Die Nakba endete nicht 1948:
– 1967: Israels Besatzung der Westbank, Gazas und Ost-Jerusalems vertrieb erneut 300.000 Palästinenser*innen.
– Seit 1967: Über 600.000 israelische Siedler*innen besetzen illegal palästinensisches Land in der Westbank – ein Verstoß gegen das Völkerrecht.
– Gaza: Die seit 2007 belagerte Enklave wird von der UN als „unbewohnbar“ eingestuft. Israelische Bombardements zerstörten bereits 2021 gezielt Archive, Medienhäuser und Kulturzentren, um die palästinensische Erinnerung auszulöschen.
2023: Die Gewalt eskaliert
Im Januar 2023 wird die extremistische Regierung Netanjahu vereidigt, die offen eine Annexion der Westbank anstrebt. Siedler*innen, oft unter Militärschutz, greifen palästinensische Dörfer wie Huwara an, zünden Häuser an und vertreiben Familien. Die UN verzeichnet 2023 den höchsten Stand an Siedlergewalt seit Beginn der Aufzeichnungen – über 800 Attacken bis Oktober.
In Jenin, einer Hochburg des Widerstands, startet Israel im Juli 2023 eine der größten Militäroperationen seit Jahrzehnten. Drohnen, Bulldozer und über 1.000 Soldaten verwüsten das Flüchtlingslager, töten 12 Palästinenser*innen, darunter Kinder, und zerstören Infrastruktur. Über 3.000 Menschen fliehen – ein Déjà-vu der Vertreibungen von 1948.
Gaza, seit 2007 unter Blockade, erlebt 2023 eine neue Eskalation: Nachdem bei Hamas-Angriffen und damit verbundenen Massakern im Oktober auch mehrere hundert israelische Zivilisten getötet und gefangen genommen werden, startet Israel eine brutale Luftoffensive. Bereits innerhalb weniger Tage werden über 6.000 Palästinenser*innen getötet, darunter 2.300 Kinder. Wohnviertel, Schulen und Krankenhäuser wie das **Al-Ahli Arab Hospital** werden bombardiert. Die UN sprechen von einem „Krieg gegen Zivilisten“, während Israel mit der Abriegelung von Wasser, Lebensmittel, Strom und Medikamenten eine humanitäre Katastrophe erzwingt.
Inzwischen wurden in Gaza seit Oktober 2023 mehr als 52.400 Palästinenser*innen vom israelischen Militär getötet, darunter mehr als 15.600 Kinder, und mehr als 118.000 verletzt.
In der Westbank tötete das israelische Militär seit Oktober 2023 924 Palästinenser*innen, darunter mindestens 196 Kinder.
4. Der Kampf um die Erinnerung
Trotz israelischer Zensurgesetze, die das Gedenken an die Nakba unter Strafe stellen, bewahren Palästinenser*innen ihre Geschichte:
–„Nakba-Archive“: Familien dokumentieren Landbesitzurkunden, Schlüssel vertriebener Häuser und mündliche Überlieferungen.
– Kunst und Literatur: Werke von Mahmoud Darwish, Mona Hatoum und Elia Suleiman thematisieren das Exil als kollektive Identität.
– BDS-Bewegung: Der gewaltfreie Boykott gegen Israel fordert Gerechtigkeit für die Opfer der Nakba.
Die Nakba als globales Symbol kolonialer Gewalt
Die Nakba ist kein regionaler Konflikt, sondern ein Inbegriff für die Gewalt des Siedlerkolonialismus – vergleichbar mit der Vertreibung indigener Völker in Nordamerika oder Australien. Ihre Fortsetzung in Form von Apartheid, Checkpoints und Luftangriffen auf Gaza zeigt: Solange die Weltgemeinschaft Israels Straflosigkeit toleriert, bleibt die Nakba eine Mahnung globaler Ungerechtigkeit.
Für die Palästinenser*innen ist die Nakba jedoch ein Symbol des unbeugsamen Widerstandes: Jeder Olivenbaum, der auf zerstörten Dörfern wächst, jeder Widerstandsakt gegen die Mauer, jeder Tweet unter dem Hashtag #Nakba77 ist ein Beweis – dass die Besatzer die Erinnerung nicht töten können. Die Nakba mag die Vergangenheit zerstört haben, aber die Zukunft gehört denen, die nicht aufhören, für Gerechtigkeit zu kämpfen.
(Stand Mai 2025)
